
Aufruf
Auf den Spuren unserer Wurzeln: Die neue GeschichtsAG wird gegründet!
Liebe Geschichtsinteressierte,
jeder Stadtteil hat seine eigene Geschichte zu erzählen – geprägt von Gesichtern, Orten und Ereignissen, die die Gemeinschaft von heute geformt haben. Auch unser Bürgerverein blickt auf eine lange Zeit voller Engagement und Aktivitäten zurück, die es wert sind, wiederentdeckt und lebendig gehalten zu werden.Aus diesem Grund starten wir ein neues Projekt und suchen engagierte Menschen, die Lust haben, eine Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte unseres Stadtteils und unseres Vereins ins Leben zu rufen.
Was sind unsere Ziele?
- Sammeln und Bewahren: Fotos, Dokumente, Zeitzeugenberichte und alte Vereinszeitungen, die die Geschichte des Viertels und des Bürgervereins erzählen, zusammentragen und sichern.
- Forschen und Entdecken: In Archiven (Stadt-, Kirchen- und Privatarchive) stöbern, um vergessene Details über unsere Straßen, Traditionen und die Menschen vor uns ans Licht zu bringen.
- Berichten und Teilen: Regelmäßig Artikel in unserer Vereinszeitung veröffentlichen, um die Ergebnisse unserer Recherchen mit allen zu teilen und die historischen Besonderheiten unseres Stadtteils bekannter zu machen.
- Begegnen und Beteiligen: Öffentliche Treffen, Ausstellungen oder Vorträge organisieren, um einen Ort des Austauschs zu schaffen und die gesamte Nachbarschaft einzubeziehen.
Man muss kein studierter Historiker sein – viel wichtiger sind Begeisterung für die Geschichte vor Ort und die Lust, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Besonders freuen wir uns über Menschen, die:
- Zeit und Interesse haben, sich aktiv an der Recherche und Organisation zu beteiligen.
- Im Besitz von Materialien (alte Fotos, Dokumente, Plakate, Erinnerungsstücke) zur Geschichte des Stadtteils oder des Bürgervereins sind und diese für das Projekt zur Verfügung stellen möchten (auch gerne in digitaler Form).
Lorenzo Virgilio Boccaccini (lvb) & Gerhard Wieland
Die Südweststadt
Dieser Beitrag basiert auf dem folgenden Text im Internet [web.archive.org]
Entstehung
Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Südstadt schon allmählich Gestalt annahm, war das Gebiet der Südweststadt noch weitgehend Gartenland und lag auch größtenteils auf Beiertheimer Gemarkung. Die Gartenstraße, die aus dieser Zeit ihren Namen hat, bildete die Gemarkungsgrenze. Zunächst entwickelte sich dort ein Industriegelände, denn drei Bahnlinien durchschnitten das heutige Gebiet der Südweststadt (und trafen sich am alten Bahnhof, wo heute das Staatstheater steht). Vor allem metallverarbeitende Betriebe hatten sich angesiedelt, zum Beispiel die Keßlersche Maschinenfabrik, die Wagenfabrik Schmieder + Mayer sowie eine Metallpatronenfabrik, aus der später die Industriewerke Karlsruhe (IWKA) entstehen sollten. Aber auch Brauereien und Möbelfabriken bestimmten das gewerbliche Leben der Südweststadt.
Aber seit 1860 begann eine rege Bautätigkeit. Die Beierheitheimer Allee wurde 1871 angelegt, die (verlängerte) Hirschstraße 1876, das alte Vincentius entsstand 1861 an der Kriegsstraße, der Zoo 1864 und Josef Durm baute Anfang der siebziger Jahre das Vierordtbad und die alte Festhalle am Stadtgartensee. Erst mit der Jahrhundertwende hatte die geschlossene Bebauung die Südendstraße erreicht. Zu diesem Zeitpunkt tätigte die Stadt auch den letzten großen Gebietskauf, damit war die südwestliche Vorstadt wirklich karlsruherisch geworden.
Die Zeit der Jahrhundertwende ließ auch ein Quartiersbewußtsein entstehen. 1895 trafen sich mehrere Bürger in der Schremppschen Bierhalle (heute alter Brauhof) und im Jahre 18961 gründeten den „Bürgerverein Südweststadt“, und hatten damit so nebenbei auch dem neuen Viertel einen Namen gegeben.
Von 1900 bis 1945
Um die Jahrhundertwende bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs entfaltete sich eine rege Bautätigkeit in Karlsruhe, ganz besonders in der Südweststadt. Haus für Haus, Straße für Straße entstand. Wichtige Infrastruktureinrichtungen folgten: das Wasserhochreservoir im Stadtgarten (Lauterberg) 1893, der Konsumverein 1905, Gartenschule 1883, Südendschule 1912, Goethe-Gymnasium 1908, das Vincentius-Krankenhaus 1912 und vieles andere mehr.
Trotz Hirschbrücke bildete die Eisenbahn auch weiterhin ein Hindernis für die Entwicklung der Südweststadt. Die Bahnanlagen mit ihrem Lärm und Schmutz konnten auf Dauer nicht bestehen bleiben. Um 1900 setzte eine Diskussion um den Standort des Hauptbahnhofs ein, der schließlich 1913 am neuen Ort in Betrieb genommen wurde. Die alten Trassen werden heute von der Straßenbahn benutzt.
Der Erste Weltkrieg setzte eine Zäsur in der Entwicklung, bis auf eine Ausnahme. Die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (später IWKA) baute mitten im Krieg den Hallenbau A ihrer Anlage, der auch den zweiten Weltkrieg gut überstand und heute das Zentrum für Kunst und Medientechnologie sowie die Städtische Galerie beherbergt.
Nach dem Krieg, mit Inflation und Wirtschaftskrise ging es deutlicher langsamer voran. In der Gartenstraße mußte 1923 das Stadtarchiv dem Arbeitsamt weichen. Die Feuerwache, erste städtische Neubau nach dem Krieg, wurde 1926 vom Architekten Herrmann Billing gebaut, ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Billing plante auch den Kolpingplatz, mit dem der Stadtteil über die Südendstraße hinauswuchs und seine heutige Größe erreichte.
Der Nationalsozialismus fand leider in der Südweststadt starke Unterstützung. Vier von 39 Karlsruher Ortsgruppen stellte der Stadtteil. Und im Krieg wurden im großen Stil Zwangsarbeiter bei der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik in der Südweststadt eingesetzt. Eine Gedenktafel am Eingang zum Hallenbau A erinnert heute daran. Die Südweststadt überstand aber die Bombardements der Alliierten relativ gut.
Von der Nachkriegszeit bis heute
Das breite Band der Kriegsstraße isoliert die Südweststadt von der Innenstadt. Gleichwohl rücken Innenstadt und Südweststadt immer mehr zusammen. Gerade in den letzten Jahrzehnten sind mit dem Arbeitsamt, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, der städtischen Galerie, dem Neubau der Stadthalle, dem Filmpalast, der Landeszentralbank, der Generalbundesanwaltschaft und vielen anderem mehr Einrichtungen in die Südweststadt gekommen, die man eigentlich im innerstädtischen Kern vermuten würde. Die Südweststadt wird – das spüren Besucher und Bewohner – immer mehr urban.
Es ist in den letzten dreisig Jahren viel Geld in die Südweststadt investiert worden – allein auf dem IWKA-Gelände wohl etwa eine Milliarde Mark von der Stadt, dem Land, Bund und privaten Investoren. Die Entindustrialisierung, die im 19. Jahrhundert Voraussetzung für das Entstehen der Südweststadt war, ist nunmehr fast zum Abschluss gekommen, z.B. der Rückzug der Brauerei Binding 1977 (heute „Alter Brauhof“), die Verlagerung der IWKA 1978 nach Blankenloch, das Opelgelände (derzeit noch Brache) oder das Coop-Grundstück. Auf den freigewordenen Flächen entstand und entsteht Neues – zum Teil, wo sinnvoll, Wohnbebauung, überwiegend aber Betriebe und Unternehmen des Dienstleistungssektors und Einrichtungen der öffentlichen Hand.
Eine Besonderheit ist das neue Sportzentrum auf dem Beiertheimer Feld. Zunächst entstand 1983 die Europahalle, dann 2008 gleich nebenan das Europabad und das neue Leichtathletikstadion. Dafür musste das denkmalgeschützte Tullabad als Bad schließen. Es wird künftig dem Zoo als Gehegebau dienen.
Dass solch ein Strukturwandel nicht friktionslos von statten geht, liegt auf der Hand. Wiederholt haben die Bürgerinnen und Bürger der Südweststadt in die Diskussion eingegriffen, sich beispielsweise erfolgreich gegen den Abriss der Hirschbrücke gestemmt, und erfolglos gegen das Großkino beim Zentrum für Kunst und Medientechnologie. Auch die Schließung des Tullabads war nicht unumstritten. Letztendlich haben die Veränderungen, die dieser Stadtteil in jüngster Zeit erfahren hat, ihm in keiner Weise geschadet. Im Gegenteil: die Südweststadt ist in den Augen ihrer Bewohner und Bewohnerinnen nach wie vor einer der attraktivsten Orte, in der Stadt zu wohnen.
- Von der Hirschbrücke zum ZKM – Hundert Jahre Bürgerverein der Südweststadt Karlsruhe 1896-1996, ISBN 3-00-000952-3 ↩︎
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Das Hirschbrückenfest
Das Hirschbrückenfest wurde 1977 ins Leben gerufen, um den Abschluss der Sanierungsarbeiten an der Hirscbrücke zu feiern. Diese Eisenbahnüberführung wurde zwischen 1888 und 1891 gebaut, um die alte Rheinbahntrasse zu überqueren, die durch das Viertel führte. Bereits 1913 verlor die Brücke jedoch diese Funktion, da die Eisenbahnlinien mit dem Bau des neuen Stadtbahnhofs an den südlichen Rand des Viertels verlegt wurden. Die Brücke blieb jedoch eine wichtige Straßenverbindung, um den Höhenunterschied des alten Eisenbahngrabens (später von der Straßenbahn genutzt) zu überwinden, und wurde zunehmend zu einem Symbol der Südweststadt, das von ihren Bewohnern wegen seiner Architektur aus dem späten 19. Jahrhundert geliebt wurde. Dies erklärt die Bemühungen des Stadtteils, sie auch nach den Schäden im Zweiten Weltkrieg und der daraus resultierenden Gefahr des Abrisses zugunsten einer modernen Konstruktion in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten.
Das Fest wurde zur Tradition und fand in den folgenden Jahren fast ohne Unterbrechung 30 Mal statt, bis es 2010 aufgrund organisatorischer und finanzieller Schwierigkeiten nicht mehr fortgesetzt werden konnte. Erst 12 Jahre später, im Jahr 2023, gelang es dem Bürgerverein, das Fest wieder aufzunehmen. Mit dem Einstieg eines professionellen Partners aus der Gastronomie-Branche wurde ein neues Konzept vorgeschlagen, das die Wiederaufnahme des Festes ermöglichte, ohne dass es zu viel von seinen traditionellen Merkmalen einbüßte. In diesem Format wurde das Fest in den folgenden Jahren wiederholt.
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Der Bürgerverein der Südweststadt
Der Bürgerverein der Südweststadt wurde 1896 gegründet, als sich das neue Stadtviertel noch im Aufbau befand und sich südlich der Gartenstraße rasch ausdehnte. Die Menschen, die sich in der „Schremppschen Bierhalle“ (heute alter Brauhof) versammelten, waren motiviert, sich in dieser rasanten Entwicklungsphase gegenüber der Stadtverwaltung Gehör zu verschaffen. Eine unmittelbare Aufgabe war es außerdem, sich an der Organisation der Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag von Großherzog Friedrich I. mit Veranstaltungen im Stadtteil zu beteiligen.
In den folgenden Jahren gab es große Veränderungen in der gesamten Stadt und insbesondere in der Südweststadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem vollständigen Abbau der durch sie verlaufenden Eisenbahnlinien ihren Höhepunkt fanden. In den neu frei gewordenen Gebieten sollte der Bau von Wohnungen und Infrastrukturen organisiert werden, und die Bürgervereine beanspruchten ihre Rolle als Sprachrohr für die Interessen des Stadtteils.
Die Bewegung des Bürgervereins setzte sich ununterbrochen bis 1936 fort, als mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus die Vereine zu bloßen Sprachrohren des Regimes degradiert wurden und sich als solche auflösten. Die Bewegung lebte erst Anfang der 50er Jahre wieder auf, als die Bürgervereine auch dank des damaligen Bürgermeisters Klotz, der fest an die Rolle dieser Vereine als Sprachrohr der Nachbarschaftsinteressen und privilegierte Partner der Stadtverwaltung glaubte, neu gegründet wurden.
